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Servicewüste Spanien

Geht man in Valencia morgens aus dem Haus, beispielsweise mit der Absicht, ein simples Internetabo zu lösen, begibt man sich auf eine grose Odyssee. Und man wird abgemagert, geschunden und mit leeren Händen heimkommen. Dann gilt es, in einer kurzen Nacht ein bisschen Kraft zu tanken für die nächste Schlacht am nächsten Tag. In der man wieder viel Schweiss und Blut lassen wird, ohne Erträge.

Montag, 14 Uhr: Der Protagonist geht zu ONO. Er fragt nach einem Internetabo. Die einzige Verkäuferin in einem auf -15° C herunterklimatisierten Raum bedient ihr Handy. Auch nach Eintritt des Protagonisten. Auch nach seiner Kontaktaufnahme. Und auch während des Beratungsgesprächs. Das mit den Worten «In deiner Wohnung ist ONO sowieso nicht empfangbar» endet. Ja, kann’s geben, aller Anfang ist schwer, kein Problem, schönen Gruss an deine SMS-Kollegin. Tschö!

Montag, 14.15 Uhr: Der Protagonist ist bei Vodafone. Kennt er schon, die sind ja auch sponsoringtechnisch sehr ausgefuxt. Eine etwas blondere Kopie der ONO-Verkäuferin sitzt lustlos auf ihrem Stuhl, ebenfalls mit Handy bewaffnet. Ihr Lieblingssatz ist: «Aber denken Sie an die Mindestvertragslaufzeit.» Ihr Lieblingsnebensatz ist: «Auch wenn Sie vor Ablauf des Jahres wieder in die Schweiz zurückkehren müssen.» Alles klar: In einem Land mit einem König kann der Kunde wohl schon rein aus Verfassungsgründen nicht selbiger sein.

Montag, 14.30 Uhr: Movistar soll es sein. Ebenfalls Sportsponsoren, mit sympathischen Radfahrern. Eine mittelschwache Internetleitung würde 40€ im Monat kosten, die mittelschwache Internetleitung mit einem gigantischen Handyabo (Gratisanrufe 8 Tage à 25 Stunden pro Woche in die eigene und in die zehn benachbarten Milchstrassen kostenlos, dazu 25 freie HD-Blockbuster-Downloads täglich) würde 60€ kosten. Nehm ich. Ach so, in Spanien braucht man neben einer Ausländeridentifikationsnummer auch ein spanisches Bankkonto. Gut, ich komme morgen wieder.

Montag, 14.45 Uhr: Rein in die nächstbeste Bank. Kontoeröffnungen seien in Spanien nur morgens möglich, das sei bei allen Banken so.

Dienstag, 11.00 Uhr: Ich trete in die Lieblingsbank meiner Gastmutter ein und werde handgestoppte 3 Minuten lang beraten, bis: «Ist es okay, wenn Sie ab nun mein Kollege bedient?». Nur zu, wieso auch immer, aber man ist ja kontaktfreudig. Der Kollege brauche für die Kontoeröffnung erstmal meine spanische Handynummer (remember: Für eine spanische Handynummer braucht man ein spanisches Bankkonto). Der iberische Teufelskreis, in Anlehnung an den kaukasischen Kreidekreis. Kein Problem, ich dürfe ihm auch die Nummer eines Kollegen geben. Dann würden sie die PIN dorthin senden. Sind ja nur Geldangelegenheiten, wenns weiter nichts ist. Die Anschlussfrage war dann: «Darf ich dich kurz alleine lassen? Vor der Tür steht ein echt guter Kollege». Kein Problem, ich weiss ja mittlerweile, dass der Kunde im spanischen Kastensystem irgendwo zwischen Flusskrebs und Stechmücke liegt. 5 Minuten später geht’s weiter, doch leider zeigt der Bildschirm (Erbauungsjahr war etwa zu Picassos Jugendzeiten) eine Fehlermeldung an. «Nicolas, ich muss dich leider als Student statt als Texter eintragen, sonst klappt das hier nicht.» Okay, den Pfad der Seriosität haben wir ja eh schon längst verlassen. Nun gibt’s zwei Fehlermeldungen. «Nicolas, du bist nun doch Texter, aber ohne Job». Ok – drei Fehlermeldungen. «Okay, du bist Student mit Einkommen» – vier Fehlermeldungen. Er kehrt zur Wahrheit zurück (Texter mit Einkommen), wieder die eine Fehlermeldung von vorher. Ich erkläre ihm, dass der Computer eine Jahreszahl für meine erste spanische Versicherung will. Die ich nicht habe. Er will «9999» eintragen, ich korrigiere ihn. «Nehmen wir 2013, ok? Das ist realistischer». Er ist einverstanden, gibt es ein, es klappt. Er lehnt sich zurück. «Oh, Nicolas, schwitzt du auch so?». Hauptsache ich habe nun ein Bankkonto. Morgen steht die Polizei vor meiner Tür, wegen illegaler Bankgeschäfte. Aber kein Problem, für einen Eintritt ins Spanische Gefängnis braucht man wahrscheinlich einen spanischen Führerschein. Und den Führerschein kriegt man nur mit einer Kafferahmdeckel-Fanclub-Mitgliedschaft. Für die wiederum braucht es wahrscheinlich einen Organspenderausweis. Der nicht ohne Eintrag im Kavaliersdelikt-Register zu erwerben ist. Jaja.

Dienstag, 12.00 Uhr: Ich habe ein spanisches Bankkonto. Jetzt steht mir die Welt frei. Internet und Handy ich koo-hoo-oomme! Bei Movistar hat’s grosse Warteschlangen. Ich realisiere grad, wie viel schneller die Leitungen bei Jazztel sind. Ich pilgere zum Jazztel-Laden. Den mir Google-Maps angezeigt hat. Gibt es nicht. Ich fahre mit dem Taxi zum zweiten Jazztel-Laden. Den mir Google-Maps angezeigt hat. Gibt es auch nicht. In Valencia gäbe es keine Jazztel-Läden mehr, man mache das alles telefonisch. Telefonverträge macht man bei Jazztel telefonisch. Logisch. Um in die Ferien zu fliegen, fliegt man ja auch mit dem Flugzeug von der Haustür an den Abflug-Flughafen. Also Fussmarsch zurück zu Movistar, dort, wo ich gestern war. Wo man mir gesagt hat, ich dürfe jederzeit wiederkommen. Wenn ich denn ein Konto habe. Ich lande vor verriegelten Türen: Movistar hat heute Nachmittag zu, sie machen Inventur. So ganz spontan. Nichts geht über eine gute spontane Dienstagnachmittagsinventur.

Ich ziehe mich zur Regeneration zurück.

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5 Gedanken zu “Servicewüste Spanien

  1. Habe noch nie in meinem Leben etwas von einem reibungslosen Ablauf in Sachen Internet-Beantragung gehört. Das scheint weltweit das standard-(Verarschungs)-Procedere zu sein…

  2. Habe ein Jahr bei einem Schweizer Anbieter im Kundendienst gearbeitet. Da kann ein Ausländer anrufen/vorbeikommen, Internet bestellen, E-Mail-Rechnung beantragen, am nächsten Tag hat er sein Internet, und bei Umzug kann er mit einer kleinen Monatsfrist wieder künden, ohne Mindestlaufzeit.

  3. Tante (nicht zu verwechseln mit Tanti) schreibt:

    Hach, ja. Das erinnert mich an meine ersten Tage hierzulande. Da hatte ich es doch endlich geschafft, eine EC-Karte ohne Kaution von 2000CHF oder so (negativer Ausländerbonus) bei der xy Bank zu bekommen und dann das: Im Swisscom Shop bei Telefon/Internetvertragsabschluss: „Also ich bräuchte dann noch von Ihnen eine Kaution von 500CH“. Dann halt, ich zückte die Karte, weil man doch coolerweise überall mit Karte zahlen kann. „Nee, ich brauche das in bar“, wurde mir beschieden.
    Nun denn, ich ging den nächsten EC Automaten suchen und später die 500CH in den Swisscom Shop tragen.

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