Ich bin ein schlechtes Vorbild

Heute wurde ich meiner Vorbildrolle leider nicht gerecht. Zumindest, wenn es nach der Einschätzung eines schnauzbärtigen Quartier-Veteranen geht. Für diese Anekdote muss ich kurz ausholen. Zeichen schinden. Wie bei der Semesterarbeit. Einfach alle Satzzeichen im ganzen Dokument zwei Punkte grösser machen und aus den 20 Seiten werden 25. Merkt niemand, sauguter Trick, da lachen sich die Hühner ins Fäustchen. Ach ne, die haben ja keine Hände. Oder sind Flügel eigentlich Hände?

Also: Und zwar fand ich heute Nachmittag nach dem obligaten Beintraining in meiner Küche keinerlei für ein umfangreiches Postworkoutmeal geeignete Nährstoffe vor. Reis, Erbsen, Kartoffeln, Proteinpulver? Fehlanzeige. Katze, Hund und Hamster? Fellanzeige.

Also gschwind mit dem Rad über den benachbarten Schulhof gen Supermarkt. Besser: Supermärktli in einem Schweizer 4’500-Seelen-Quartierchen. (Keine Angst, das Quartier ist Teil einer Grossstadt. Schwöre!) Dennoch: Dementsprechend überschaubar ist auch der Schulhof. Auf halber Strecke erblicke ich sogleich einen gut genährten Mittfuffzger, Marke Dorffestkrieger (Schnauz, kurzärmliges Flanellhemd, Sandalen, Bäuchlein). Offensichtlich wollte er mir etwas sagen, also nahm ich die Kopfhörer raus. (Für den einmütigen Radweg habe ich mir den Refrain eines Bee-Gees-Song ausgewählt). Also, Dialog:

«Haben Sie eine Frage?»
– «Schulhof.»
«Bitte?»
– «Das ist ein Schulhof. Sei so gut und steig vom Rad.»
«Vom Rad steigen haben Sie gesagt?»
– «Ja. Vorbildfunktion für die Schüler. Bitte steig ab und stoss dein Rad. Wir wollen doch Vorbilder sein.»
«Für diese 20 Meter? Der Platz ist sowieso menschenleer.»
– «Wir wollen doch Vorbilder sein.»
«Tut mir leid, für diese 20 Meter steige ich nicht vom Rad ab. Da will ich kein Vorbild sein. Schönen Abend Ihnen!»
– «Das gibt es doch nicht. Das gibt es nicht. Sagenhaft.»

Abgesehen davon, dass ich erstens selbst noch ein Kind bin und zweitens gar kein Vorbild sein will und drittens sicher nicht dafür, dass man jede Spiesserregal einhält, hat mich die Art und Weise des Gesprächs sehr erfreut: klar in der Sache, ruhig im Ton. Der nette Herr hat nicht geflucht, wurde nicht laut und auch nicht beleidigend. Er hat einfach seinen Text runtergebetet. Seien Sie so gut, Vorbilder, das gibt’s doch nicht. Echter Ehrenmann, begegnet dem zunehmenden Sittenverfall mit gelassener Klarheit. Vielleicht war es ein Weiser, auch wenn man es ihm nicht ansehen würde. Der Gandalf des kleinen/dicken Mannes.

Vermutlich schaut er gerade Länderspiel und murmelt fröhlich vor sich hin: «Das war doch kein Abseits. Also bitte. Sachen gibt’s.»

Ein Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s