Probleme im Speisewagen

Die Story von heute Abend spielt im Speisewagen eines handelsüblichen Schweizer ICs. Protagonisten sind 1 alter Herr, viele junge Burschen in Armeekleidung sowie ich, als Erzählerin. (Hä, der Blogger ist doch männlich, denken nun viele. Ja, im Prinzip und aus biologischer Sicht ja, aber der Sonntag ist mein gender-flexibler Tag). Los geht’s:

Ich betrete also den Speisewagen mit der Absicht, einen doppelten Espresso zu geniessen und gedanklich ein bisschen abzuschweifen. Der Wagen ist leer, alle Plätze noch frei. Ich entscheide mich für einen Platz am Ende des Wagens. Offensichtlich just jener Platz, denn der ältere Herr hinter mir auch einnehmen wollte. Er steht nun verdattert da, hinter ihm bildet sich eine Schlange junger Rekruten. Ich versuche natürlich Blickkontakt aufzunehmen: «Wollen Sie hier sitzen? Soll ich wechseln? Geht es Ihnen gut?», sind die drei zentralen Fragen, die meine konstruktive Mimik (Augenbrauen hoch, fixierter Blick) transportieren soll. Er versteht es aber nicht und entscheidet sich nach rund 30 Sekunden für einen Plan B: Er sucht sich einen anderen Platz. Wow, eine gesunde Portion Flexibilität darf man diesem Herrn nicht absprechen.

Bestellungen werden aufgenommen. Die jungen Rekruten bestellen Coca-Cola und Zweifelchips oder Bierchen schön (was auch sonst?) und gucken dann synchron auf ihre Smartphones, alles längst perfekt einstudiert, Sonntagabend für Sonntagabend. Nicht so der ältere Herr, der mit besonders viel Verve – und sicher auch durch die adretten Rekruten in seiner Sentinmentalität berührt – seine Bestellung durch den Wagen schmettert: «Eine heisse Schokolade, bitte.» Vierhebiger Jambus, astreine Intonation.

Nun die tragische Wende:

«Schokolade keine heute. Schon zu spät, mussen Sie andere nehmen». Lieblingsplatz weg, Schokolade weg, aber der ältere Herr gibt sich heute keine Blösse. «Na gut, dann einen Grüntee. Mit Zitrone.»

Wie es das Schicksal so will, sind die modernen Teebeutel aber ganz anders verpackt (Packaging, Verpackungsmarketing!) als die damaligen, also ist zum dritten Mal Anpassungsfähigkeit gefragt. Der Herr zupft und reisst, aber der Beutel will nicht aufgehen. Hilfesuchend schaut er sich um. Da fällt sein Blick auf seine Tasche. Er kramt und wühlt, um nach einigen Minuten ein kleines Schweizer Taschenmesser zu bergen. In der Schweiz steht und fällt Flexibilität mit dem Taschenmesser. Leider hat sein kleines Exemplar keine Schere, und irgendwie bringt er das Messer nicht auf, es klemmt. Stattdessen klappt er die Nagelfeile aus (ausklappen, gibt es dieses Verb?). Maniküre statt Teegenuss? Nein! Denn:

Nun sticht er minutenlang mit dem semi-spitzen Ende der Nagelfeile auf die Teebeutel-Verpackung ein. Irgendwann klappt es, er kann sie öffnen. Er legt also den Teebeutel in die Tasse mit dem längst nur noch lauwarmen Wasser, gibt ein paar Zitronenspitzer dazu, dann Kaffeerahm, dann ein Pack Zucker, zwei Pack Zucker, drei Pack Zucker, vier Pack Zucker. An dieser Stelle endet die Story abrupt, da der Autor auch Lust auf süss-saures Milchwasser a.k.a. Grüntee mit Rahm und Zitrone und Zucker hat. Prost!


Bild von » unbekannt.

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