Die Liberalen sind die Konservativen!

Entschuldigen Sie den sperrigen Titel dieser Kolumne und nehmen Sie ihn als Beweis dafür, wie ernst mir das Thema ist. Sie kennen diese Einteilung bestimmt: Man beschreibt Menschen, die gesellschaftliche Entwicklungen akzeptieren, annehmen oder mitmachen, gerne als liberal. Und jene, die skeptisch sind, sich wehren oder nicht mitmachen wollen, als konservativ. 

Beispiel Schweiz: Die FDP setzt sich für mehr Eigenverantwortung und weniger Bürokratie ein und darf sich deshalb «liberal» nennen. Eine junge politische Strömung, die sich für mehr aussenpolitische Öffnung und gesellschaftliche Freiheiten einsetzt, darf sich gar «Operation Libero» nennen. Beide führen, so scheint es, je eine Privatfehde gegen den Konservativismus.

Doch genau diese Dichotomie Konservativ-Liberal hat ausgedient. Meine These: Es gibt nur a) sehr konservativ oder b) konservativ.

Der grosse Denkfehler

Wenn wir Menschen, die gesellschaftliche Entwicklungen akzeptieren, annehmen oder mitmachen, als liberal oder progressiv bezeichnen, gehen wir von einer falschen Annahme aus: Und zwar davon, dass sich die Welt nicht automatisch entwickelt. Wir denken an den ewigen, starren Status Quo, der nur dank liberal eingestellten Menschen aufgelockert und weiterentwickelt wird. Das ist falsch!

Das Leben per se ist Veränderung! Mensch und Natur entwickeln sich automatisch weiter, und wir alle tragen bewusst und unbewusst unseren Anteil daran. Die einzige Konstante ist die Veränderung. Bestimmt gibt es Dutzende von philosophischen Zitaten, die ich jetzt aufführen könnte, ich belasse es mal beim Verweis auf Heraklit oder Darwin.

Weiterentwicklung ist unser Status Quo. Das heisst: Wer sich mit der Wirtschaft, der Politik oder der Gesellschaft mitbewegt, vielleicht indem man auf den sozialen Medien präsent ist, moderne Dienstleistungen nutzt oder neue Trends ausprobiert, ist nicht liberal, sondern konservativ. Denn solche Menschen konservieren den Status Quo, sprich die ewige Entwicklung.

Damit ist auch schnell klar: Die vermeintlich Konservativen, die zurück zum Früher wollen, sind gar nicht konservativ. Sie wollen die Entwicklung nicht konservieren, sondern rückgängig machen. Sie sind reaktionär.

Gibt es überhaupt noch Liberale?

Wir haben also vorerst folgende zwei Kategorien: Die Reaktionären wollen zurück zum Früher. Und die Konservativen machen die Entwicklungen der Menschheit brav mit. Hier könnten wir unterscheiden: Die «sehr konservativen» Menschen schwimmen mit dem Strom der Veränderung, während die «weniger konservativen» Menschen wenigstens ein bisschen vorangehen. Das sind diese Leute, die die Trends von morgen kennen und schon heute die Apps von morgen nutzen. Sie sind ein kleines bisschen weniger konservativ.

Diese neue Kategorisierung lockert die wirre Dichotomie Konservativ-Liberal etwas auf, ist aber natürlich noch längst nicht perfekt. Und sie hinterlässt natürlich offene Fragen. Sind zum Beispiel die uns allen bekannten emsigen, streitlustigen, gesellschaftskritischen Journalisten, die wir gerne im neokonservativ-rechtspopulistischen Lager verorten, wirklich neokonservativ, oder versuchen sie nicht eher, mit ihren Provokationen den ewig gleichen Strom der Veränderung zu hinterfragen, zu stören oder aufzuhalten, um mal wirklich Neues zuzulassen? Sind die vermeintlich rechtspopulistische Publizisten also die wahren und einzigen Liberalen? Zu schön, um wahr zu sein. Beim Blick auf ihre politischen Ansichten muss ich diese Zusatzthese deutlich verwerfen. Schlussfrage also:

Wer sind die Liberalen? Und wo sind sie?

Bild von Ryan Gsell.

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